10.08.2015 / Josef Köster

Kindertagesstätten künftig durchgehend öffnen (24-Stunden-KiTa)?

(c) 2015 ov remscheid

Der Fachbereich Erziehung der komba remscheid nimmt Stellung zur Anfrage der Remscheider CDU, Kindertagesstätten künftig durchgehend zu öffnen (24-Stunden-KiTa).

Seit zwei Wochen ist die 24-Stunden-KiTa vermehrt in den Medien. Das Modell stammt aus dem Bundesfamilienministerium von Manuela Schwesig (SPD). Demnach sollen die Kinder zwar nicht länger als sonst, aber zu jeder Zeit, die KiTa besuchen können – beispielsweise dann, wenn die Eltern im Schichtdienst arbeiten. Die Remscheider CDU-Fraktion regt für ein modernes Remscheid eine lokale Diskussion über 24-Stunden-KiTa an und wirbt in ihrer Anfrage dafür, Kinder auch über Nacht zu betreuen.

Wohin mit dem Kind als Nachtschwester und Alleinerziehende? Manche Eltern arbeiten gar beide im Schichtdienst und geben sich zu Hause nur die Klinke in die Hand. Jeden Tag neue Lösungen suchen: montags Oma, dienstags die Nachbarin, mittwochs leistet man sich eine Babysitterin?

Selbstverständlich setzte sich auch der Fachbereich Erziehung der komba remscheid kritisch mit dem Thema auseinander. Unser Fazit: Die Initiative stößt insbesondere aus fachlicher Sicht auf Ablehnung der Erzieherinnen und Erzieher. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Die 24-Stunden-Kita erscheint auf den ersten Blick die perfekte Lösung für die Probleme berufstätiger Eltern. Endlich eine verlässliche Lösung und wunderbar, dass der Staat das subventioniert. Nur die Begründung, dass sich dabei die Betreuungszeiten lediglich verschieben, offenbart das fehlende Wissen über den Ablauf in der Kita und die pädagogische Arbeit der dort tätigen Erzieherinnen und Erzieher sowie die offenbar nicht erfolgte Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der mittlerweile ja oft unter 3-jährigen Kinder.

Kinder müssten sich dem Tag- und Nachtrhythmus der Schichtarbeit anpassen

„Kinder brauchen Rituale, einen festen Rhythmus und Verlässlichkeit. Ein zu viel an Flexibilität überfordert sie. Besonders in der Nacht“, sagt Kai Störte, Sprecher des Fachbereichs Erziehung und selbst beruflich in Leitungsfunktion einer KiTa tätig. Er und seine Fachbereichskolleginnen und -kollegen glauben, dass die Bedürfnisse der Kinder beim vorgeschlagenen Modell nicht im Fokus stehen, sondern vielmehr die Interessen der Arbeitgeber.

Denn was macht denn z.B. die in der Anfrage von der CDU beispielhaft genannte Alleinerziehende ohne familiäre Hilfe, wenn sie ihr Kind nach der Nachtschicht aus der Kita abholt? Auch sie muss ja irgendwann mal schlafen.

Der Fachbereich spricht sich zwar klar für flexiblere Arbeitszeitmodelle und eine stärkere Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus, aber nicht zu Lasten der Kinder. „Dass Kinder immer nur um die Arbeitswelt herumorganisiert werden, kann doch kein Modell mit Zukunft sein. Damit wird künftig, anders als von den Befürwortern vorgetragen, eher noch weniger Rücksicht auf die Familiensituation genommen. Außerdem wird mit keiner Silbe erwähnt, dass Erzieherinnen und Erzieher ja auch eigene Familien haben, die sie organisieren müssen und mit der Initiative selbst zu Schichtarbeitern werden. Solche Aspekte werden gerne schnell vergessen“, erklärt Störte.

Kita würde von Bildungseinrichtung zu reiner Schlafstätte

Hinzu kommt, dass den Kindertagesstätten durch das Kinderbildungsgesetz ein klarer Bildungsauftrag mit steigendem Anforderungsprofil erteilt wurde. Dabei geht es unter anderem um eine intensivere Sprachbildung. „Bei dem 24-Stunden-Kita-Modell sehen wir die KiTa nicht als Bildungseinrichtung, sondern als Schlafstätte. Wenn das Kind nicht länger, sondern lediglich zu anderen Zeiten die Kita besuchen soll, also beispielsweise dort nur übernachtet, was ist denn dann mit dem Bildungsauftrag? Das Konzept krankt“, meint der Fachbereichssprecher.

Mit dem Programm des Bundesfamilienministeriums sollen rund 300 Kindertagesstätten bundesweit mit bis zu 100 Millionen Euro gefördert werden. Im Zeitraum von 2016 bis 2018 soll – nach den Plänen des Bundesfamilienministeriums – die Zahl der Einrichtungen mit Öffnungszeiten rund um die Uhr steigen.

In Zeiten knapper Kassen müssen die zur Verfügung stehenden Finanzmittel gezielt eingesetzt werden. In der Vergangenheit wurden die Anforderungen an die Einrichtungen ständig erhöht. Wünschenswert ist anstelle einer weiteren Angebotserweiterung der Abbau bestehender Defizite. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus 2015 ist Armut ein Risiko für die Entwicklung von Kindern. So benötigen beispielsweise Einrichtungen in sozialen Brennpunkten mehr Geld, mehr Personal und andere Förderangebote, um die Entwicklung armutsgefährdeter Kinder frühzeitig zu fördern.

Josef Köster, Vorsitzender der komba gewerkschaft in Remscheid gesteht den Befürwortern der 24-Stunden-Kita zu, das Problem mit der Kinderbetreuung erkannt zu haben. Mit der Ausweitung der Betreuungsangebote auf eine 24-Stunden-Kita wird im Lösungsansatz bei den Schwächsten angesetzt. Familien sollten sich nicht stärker an dem Arbeitsmarkt, sondern der Arbeitsmarkt sollte sich mehr an die Bedürfnisse der Familien anpassen. Dazu gehören familienfreundliche Arbeitszeitmodelle und gerechte Löhne, die keine Vollzeitbeschäftigung aller Familienmitglieder erzwingen. Das wäre echte Familienpolitik.

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